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Archive for März 2010

In der ersten Arbeitswoche lernte ich die Mitarbeiter für die geplante Biotechnik-Mannschaft sowie das Ingenieurteam kennen. Neben dem mir bereits bekannten Herrn Mamamoto war dies ein illustres "Völkchen" an japanischen Kollegen.

Da gab des den Chefingenieur, Herrn Thoma, mit dem ich sehr gerne zusammenarbeitete. Immer ein breites Grinsen im Gesicht und den Schalk im Nacken, war er zu manchen Späßchen aufgelegt. Aufgewachsen als Bauernsohn, tat er sich mit den "Feinheiten" der japanischen Gesellschaft (sprachliche Ausdrucksweise, Verhalten) schwer und hatte daher bei einer Gaijin-Firma angeheuert. Ein unheimlich netter Kollege, der aber im Machosystem japanischer Männer gefangen war. Mit ihm habe ich so manche nette Episode erlebt.

Die zweite Kollegin war Frau Hashimoto, die in Heidelberg studiert hatte und dadurch ein perfektes Deutsch sprach. Für japanische Verhältnisse war Frau Hashimoto äußerst progressiv. Bereits während ihres Studiums in Heidelberg zog sie ihre 1 1/2 Jahre alte Tochter alleine groß. Zurück in Japan heuerte sie bei einem deutschen Pharmaunternehmen an. Kurz vor meiner Ankunft hatte sie ihren Ehemann in die "Wüste" geschickt und lebte mit ihrer, im Teenie-Alter befindlichen, Tochter alleine. Sie wollte nun Karriere bei der deutschen Firma machen …

… haderte aber mit der machohaften männlichen Gesellschaft Japans – die die Frau als "liebendes Weibchen für Küche und Kinder" sahen. Große Hoffnungen setzte sie damals auf Madam Doi, eine Politikerin einer kleineren Partei, die sich anschickte, als Koalitionspartner in die japanische Regierung zu kommen. Dort erhoffte man sich, dass Frau Doi die Rechte der Frauen in der japanischen Gesellschaft stärken könne. Leider musste ich feststellen, dass die Anfangserfolge nicht anhielten und die Partei von Frau Doi bei der nächsten Parlamentswahl, trotz vieler Vorschusslorbeeren mehr oder weniger “marginalisiert” wurde.

Frau Hashimoto übernahm es dann auch, mir ein paar Hintergrundinformationen über “japanische Gesellschaftangelegenheiten” zu vermitteln. So erzählte sie mir, dass sie lieber ein Marmeladenbrot zum Frühstück äße als das traditionelle japanische Frühstück mit Reis, grünem Tee und rohem Fisch zuzubereiten. Sie hatte nämlich keine Lust, entsprechend früh aufzustehen, um das Frühstück traditionell zuzubereiten. Dazu muss man wissen, dass in Japan die Anfahrtswege zur Arbeit oft sehr lang sind und die Menschen oft 1 bis 1 1/2 Stunden mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren (speziell im Großraum Tokyo). Frau Hashimoto vermisste insbesondere das “gute deutsche Brot”.

Beim Mittagstisch in der Werkskantine war sie es auch, die mir den Tipp gab, die Einweg-Holzstäbchen (o-Hashi) statt der lackierten Holzstäbchen zu nehmen, da sich diese besser handhaben ließen. War ein guter Tipp, denn ich brauchte so ca. eine Woche, bis ich auch “kollateralschädenfrei” ein Mittagessen mit den lackierten Essstäbchen bewerkstelligen konnte.

Und irgendwann erfuhr ich von Frau Hashimoto auch so ganz nebenbei, dass es wie ein Lauffeuer durch das Werk gegangen war, dass ein neuer Gaijin da sei, der kein Problem mit einem japanischen Frühstück habe. Die meisten deutschen Besucher versuchten mit westlichem Essen sowie Messer und Gabel zu überleben (die deutschen Manager der Anlage wohnten sowieso in Tokyo und nahmen die einstündige Anfahrt per PKW in Kauf).

Neben Frau Hashimoto gab es noch Herrn Nishibayashi, der eine Ausbildung als Pharmazeut besaß und offenbar aus gehobenen Verhältnissen stammte. Er war als “Manager” für die Biotechnikanlage vorgesehen und sprach ebenfalls gut deutsch. Seine Frau arbeitete als Apothekerin und verdiente wohl “das Geld” in der Familie. Ich habe nie herausgefunden, warum er sich in einem Gaijin-Unternehmen verdingt hatte. Zumal im Laufe des Projekts seine Tochter lebensgefährlich an Leukämie erkrankte und er trotzdem für 6 Monate zur Einarbeitung nach Deutschland geschickt wurde. Aber Japaner sind da knallhart, wenn es um das Zurückstellen persönlicher Angelegenheiten ging. Dies konnte ich auch bei Herrn Thoma bemerken, dessen Vater während meines zweiten Aufenthalts starb. Bis auf eine kurze Auszeit zur Bestattung war er in der Firma anwesend und ließ auch keine Anzeigen von Trauer erkennen.

Ganz pfiffig waren auch zwei junge Mess- und Regeltechniker, her Kobajashi und Herr Wanabe. Sie wohnten als Junggesellen in einer Hochhaussiedlung in einer kleinen Wohnung, die für die dortigen Verhältnisse günstig und nicht allzu weit von der Arbeitsstelle weg war. Beide sprachen nur englisch, sollten aber einen Deutschkurs belegen und waren für allerlei Späße zu haben. Bei einem Trainingsaufenthalt in Deutschland fielen beide auch dadurch auf, dass sie gerne mit ihren deutschen Kollegen “um die Häuser zogen”.

Im Rückblick betrachtet, war keiner dieser Kollegen, ein “waschechter” Japaner – wie ich später noch feststellen konnte. Denn dann hätte ich noch mehr Brass gehabt und wäre wie die “sprichwörtliche Axt im Walde” unterwegs gewesen. Aber so erhielt ich immer wieder nützliche Tipps von Frau Hashimoto, die den Spagat zwischen japanischer und westlicher Gesellschaft sowie die kulturelle Ignoranz der Japaner gegenüber Ausländern nur zu gut nachvollziehen konnte.

Beim ersten Aufenthalt lernte ich diese Kollegen bei Arbeitsbesprechungen, Firmenbesuchen und auch bei den allabendlichten Ausflügen in die Gaststätten von Kawagoe kennen – und auch schätzen. Eines der “dringendsten Probleme” der Kollegen war, dass sie kein “green grass” hatten. Wer von diesen Personen in Deutschland war, bewunderte die satt grünen Wiesen und vor allem den grünen Rasen in deutschen Vorgärten. In Japan verwandelten sich die Rasenflächen dagegen im Hochsommer in eine bräunliche Wüste mit verdorrtem Gras. Erst der Herbst ließ die Graswurzeln wieder ausschlagen und das Grün sprießen. Ich kann mich noch erinnern, dass ich aus Deutschland Großsendungen mit Grassamen für echt englischen Rasen an die Kollegen verschickte. Bin mir aber ziemlich sicher, dass auch der so ausgesähte Rasen im Sommer braun wurde – denn dann brannte einfach die Sonne erbarmungslos auf’s Land und brachte die Vegetation zum verdorren.

Mehr zu den Erlebnissen mit dieser illusteren Runde in den nächsten Beiträgen.

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Tja, das stand ich nun – total abgebrannt – und konnte mein Hotel nicht bezahlen. Eigentlich fing es ganz harmlos an. Der Chefingenieur des Werks hatte mir erklärt, dass das gebuchte Hotel nur ein Notbehelf gewesen – und das Zimmer eigentlich wegen der “Gerüche” unzumutbar sei. Ich hatte zwar nichts dergleichen bemerkt und das Hotel war auch durchaus annehmbar. Halt Business-Hotel – aber da war ich schon andere “Absteigen” (speziell in deutschen und französischen Großstädten) gewohnt. Also sollte ich auf Wunsch des Kunden in ein anderes Hotel umziehen. Wie ich später erfuhr, hatte man ein traditionelles japanisches Hotel, ein Ryokan, für mich gebucht – nachdem sich herumgesprochen hatte, dass ich wohl auch problemlos mit einem japanischen Frühstück umzugehen wusste.

Und nun sollte ich aus dem Hotel auschecken und wollte bezahlen, hatte aber keine Penunse – nichts, niente, rien. Quasi bis auf ein paar Yen abgebrannt. “Abgebrannt” ist vielleicht der falsche Begriff für meine Situation, die den Skurrilitäten Japans geschuldet sind. Von der Reiseabteilung meines Arbeitgebers war ich zwar mit Reisedevisen ausgestattet worden. Da aber das Einwechseln in Fremdwährungen mit Kosten verbunden war, hatte ich nur Yen im Gegenwert von vielleicht 200 DM erhalten. Der Restbetrag zur Deckung der Übernachtungs- und Reisekosten war in Reiseschecks, ausgestellt in Yen auf die Fuji-Bank (wenn ich mich richtig erinnere), ausgegeben worden.

Meine Barschaft reichte nicht zur Begleichung der Hotelrechnung aus – und an der Rezeption weigerte man sich, die Yen-Reiseschecks der Fuji-Bank von einem Gaijin anzunehmen. Eigentlich reichlich bizarr! Mit American Express Traveller Schecks hatte ich bisher nie Probleme gehabt, im Ausland an Bargeld zu gelangen oder Hotelrechnungen zu begleichen. In der Reisestelle des entsendenden Arbeitgebers hatte man mir noch erklärt, dass man zur Sicherheit keine American Express Traveller-Schecks, sondern Yen-Reiseschecks der Fuji-Bank mitgeben würde. Damit sei sichergestellt, dass ich diese “problemlos” in Japan umtauschen und auch Hotelrechnungen bezahlen könne. Reiseschecks haben die Eigenschaft, dass diese immer gedeckt sind und sich die ausgebende Bank zur Einlösung verpflichtet. Eigentlich ein risikoloses Geschäft für den Empfänger. Offenbar hatte die Reisestelle aber nicht mit der Provinzialität meines Rezeptionisten gerechnet. Da war also nichts zu machen.

Guter Rat war teuer – oder eine Lösung musste her. Eigentlich war geplant, dass ein japanischer Kollege mich abholt, wir das Gepäck schnell im nächsten Hotel deponieren sollten und uns dann auf Geschäftsbesprechungen in den Tokyoter-Stadtteilen Takadanobaba und Ikebukoro einfinden sollten. Also ließ ich mein Gepäck, quasi als Pfand, an der Rezeption zurück und mein japanische Kollege bürgte durch die Hinterlegung seiner Personalien für die Bezahlung der Rechnung. In Tokyo wollen wir dann schnell in einer Bank vorbeispringen und ein paar Reiseschecks einlösen – so dass ich über Bargeld verfügte.

Ich weiß nicht mehr genau, ob wir per Taxi oder per Bahn nach Takadanobaba fuhren. Aber woran ich mich noch ziemlich deutlich erinnere, war der Ablauf unserer “Bargeldbeschaffung”. Es lief immer in der gleichen Weise ab: Wir betraten die jeweilige Dependance einer Bank in einem der Hochhäuser, um an einem Empfangstresen aufzulaufen. Dort stand eine blutjunge japanische Angestellte des Bankhauses, die uns mit tiefer Verbeugung empfing. Mein japanischer Kollege (der den größten Teil seines Lebens in den USA verbracht hatte) spulte dann die Story ab, dass wir gerne Yen-Reiseschecks in Bargeld umgetauscht hätten. Nach einem längeren Palaver drehte sich mein Kollege zu mir um und meinte “not today” – heute gibt’s bei denen kein Bargeld.

Was mir in einer Bank noch auffiel, bzw. mir die Kinnlade auf die Schuhe fallen ließ: Während mein Kollege am Eingangstresen palaverte, konnte ich einen Blick in einen angrenzendes Großraumbüro werfen. Dort saßen in mehreren Reihen junge weibliche Angestellte, die mit Abakus und mechanischen Rechenmaschinen damit befasst waren, Buchungen vorzunehmen. Zu dieser Zeit wurden in Deutschland bereits Bankgeschäfte ausschließlich über Terminals abgewickelt. Eine ähnliche Situation hatte ich erinnerungsmäßig nur in der Türkei erlebt, wo Buchhaltung auch in einer sauber, aber handschriftliche geführten Kladde stattfand.

In der dritten oder vierten Bankfiliale gelang dann aber unser Vorhaben. Irgendwie konnte mein Kollege die Angestellte am Empfang überreden, wenigstens einen Teil meiner Reiseschecks in Bargeld zu wechseln. Und so kam es, dass ich mit Yen-Banknoten im Gegenwert von mehreren tausend DM in der Jackett-Taschen durch Tokyo lief und diesen Bargeldbestand auch noch eine ganze Zeit mit mir führte.

Nachdem die Geschäftstermine im Anschluss absolviert waren, ging es zurück nach Kawagoe zum Hotel, wo ich meine Rechnung bezahlte und das Gepäck in Empfang nahm. Ironie der Geschichte, die zeigt, wie schräg manche Japaner ticken: Als ich im traditionellen japanischen Hotel eincheckte, fragte ich die Besitzerin zur Sicherheit (um genügend zeitlichen Vorlauf zu haben), ob ich eventuell in Yen-Reiseschecks zahlen könne. “Klar”, meinte die Dame, “kein Problem, wir sind hier schließlich in Japan und nicht in einem Kuhdorf in Afrika”.

Nachtrag: War schon skurril und ich schob diese Erfahrungen auf die während meiner Aufenthalte gerade stattfindenden gesellschaftlichen Umwälzungen zurück. Während die Japaner ganz verrückt mit “Plastikgeld” hantierten – überall ließ sich eine Kredit- oder Bankkarte des Arbeitgebers oder der lokalen Bank zum Bezahlen verwenden, galt für “Nichtbesitzer” solcher Karten (also quasi für alle Ausländer) die Devise “Nur Bargeld lacht”. Beim Schreiben dieses Beitrags stieß ich aber auf den Artikel Geldwechsel in Japan. Der Wahnsinn hat also (auch noch heute) Methode.

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