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Archive for Februar 2010

Nachdem ich einige Stunden wie ein Murmeltier geschlafen hatte und mich auch nicht von der grellen Neonbeleuchtung vor dem Zimmerfenster stören ließ, wachte ich gegen 6:30 Ortszeit gut ausgeruht auf. Gemütlich machte ich mich fertig, um gegen 7:15 zum Frühstück in der Offenbach-Stuben "aufzulaufen". Die grüne Essensmarke für das Frühstück führte ich sorgsam, wie einen Schatz, in der Tasche meines Jacketts mit – denn wie hätte ich mir sonst ein Frühstück organisieren können. Mit den englischen Sprachkenntnissen der Angestellten war es nicht sehr weit her, wie ich am vorherigen Abend bereits feststellen konnte.

Also begab ich mich, gut gelaunt und nichts vom nächsten Abenteuer ahnend, in die Offenbachstuben. Mit einem fröhlich geschmetterten "Konnichi wa", dem japanischen "guten Morgen/guten Tag", betrat ich den Schankraum (der jetzt als Frühstücksraum diente). Oha, war da was?

Aber hallo, gut ein dutzend Köpfe drehten sich ruckartig zur Tür und versuchten einen  Blick auf den "Schreihals" zu werfen, um dann beschämt festzustellen, dass man als Japaner niemanden anstarrt. Also gingen ein Dutzend Köpfe ruckartig zurück in "Ausgangsstellung" und versuchten betont angestrengt sich der Einnahme des Frühstücks zu widmen.

Die Reaktion der jungen Angestellten hinter dem Tresen auf den eintretenden Fremden (Gaijin) war noch verstörender. Mit schreckgeweiteten Augen schlug sie die Hand vor den Mund, um sich dann mit tiefen Verbeugungen etwas murmelnd an mir vorbei zu schlängeln und in einer Tür, die ich als Kücheneingang identifizierte, zu verschwinden.

Diese "Begrüßung" hatte ich nun gar nicht erwartet und überprüfte möglichst unauffällig, ob vielleicht mein Hosenschlitz offen stände, die Hose geplatzt oder sonst etwas ungewöhnliches zu sehen sei. Nachdem ich nichts offensichtliches feststellen konnte, maß ich den Raum mit einem Blick und stellte fest, dass noch einige Tische unbesetzt waren. Ich entschied mich unbewusst für einen Tisch genau gegenüber der Eingangstür, auch weil dort eine breite Holzbank an der Wand stand. Nachdem ich Platz genommen hatte, konnte ich den Raum, den Eingangsbereich und auch den Eingang zur Küche überblicken, während ich die Wand in meinem Rücken wähnte.

So langsam sickerte die Skurrilität der Situation in mein Hirn. Ich, in einen Anzug gewandet, mit dem Rücken zur Wand, die Unterarme auf der Tischplatte ruhend, an einem groben Holztisch sitzend und auf mein Frühstück wartend. Rund um mich saßen ca. 10 japanische Geschäftsleute an kleinen Bistrotischen und waren mit Messer und Gabel angestrengt zugange, ein Frühstück einzunehmen. Während ich,  breit grinsend wie Budda, in die Runde blickte, konnte ich beobachten, wie die Anwesenden immer wieder einen schnellen Blick aus den Augenwinkeln auf mich zu erhaschen suchten. Stellten sie fest, dass ich sie beobachtete, ruckte der Kopf noch ein Stück tiefer in Richtung Teller, um sich noch intensiver mit Messer und Gabel einem glibberigen Spiegelei auf einem noch schlabberigen Stück Toast zu widmen. Aus heutiger Sicht erinnert mich das Ganze an Küchenszenen mit dem Komiker Gerd Dudenhöffer in der Serie "Familie Heinz Becker", in denen er angestrengt etwas auf einem leeren Teller schneidet und demonstrativ in die Familienrunde "schweigt".

Aus der nahen Küche war die ganze Zeit ein leises Murmeln zu vernehmen. Ich  stellte mich schon darauf ein, ohne Frühstück zur Arbeit zu müssen, als ein japanischer Geschäftsmann als neuer Gast in den Frühstückraum kam. Er murmelte etwas in Richtung Küche, worauf aus der Küchentür ein Arm auftauchte und er dann einen blauen Bon in die ausgestreckte Hand hineinlegte. Anschließend setzte er sich an einen der freien Bistro-Frühstücktische.

Kurz Zeit später tauchte die junge Angestellte mit einem Teller auf, den sie mit einer Verbeugung vor dem neuen Gast abstellte und gleichzeitig eine Serviette sowie Messer und Gabel dazu legte. Der Teller enthielt das obligatorische Spiegelei auf Toast, was ich just in diesem Augenblick als "western style breakfast" identifizierte. "Schwein gehabt", dachte ich mir, denn schlimmer konnte es mit dem japanischen Frühstück ja nicht mehr kommen.

Nachdem ich nun schon gut 5 Minuten am Tisch ausharrte, überwand sich die junge Angestellte und kam mit vielen Verbeugungen in meine Richtung. Als sie verzagt, mit weiteren Verbeugungen und etwas murmelnd an meinem Tisch stand, sah ich meine Chance gekommen. Freudestrahlend streckte ich ihr die Hand mit dem grünen Bon entgegen. Die schreckgeweiteten Augen, mit denen Sie mich und vor allem den grünen Bon anblickte, vergesse ich mein Leben nicht. Als ich ihr nochmals den Bon mit Nachdruck entgegenstreckte, nahm Sie diesen schließlich an und entfernte sich, rückwärts gehend und ständig verbeugend, in Richtung Küche. Was hinter ihrer Stirn für Gedanken abliefen, konnte ich auch ohne japanische Sprachkenntnisse erahnen. "Oh Gott, da hat der Kollege an der Rezeption gestern einen Fehler gemacht und den falschen Bon ausgeteilt". Es war nämlich so, dass alle japanischen Gäste ein "western style breakfast", also die westliche Frühstücksvariante, gewählt hatten und einen blauen Bon vorlegten. Nur der Fremde (Gaijin) tauchte mit einem grünen Bon auf.

Das Murmeln in der Küche schwoll an, als die Angestellte durch die betreffende Tür verschwand. Plötzlich tauchten zwei Köpfe am Türrahmen der Küchentür auf. Die junge Angestellte und der Koch warfen einen Blick in den "Frühstücksraum", um den Gaijin in Augenschein zu nehmen. Als sie meinen Blick bemerkten, verschwanden die Köpfe ruckartig und Gemurmel ging noch etwas weiter.

Endlich erschien die junge Angestellte und trug eine Art Holzblock sowie einen Becher auf einem Tablett vor sich her. Mit vielen Verbeugungen stellte sie den Holzblock vor mir auf den Tisch, legte eine längliche Papiertüte darauf und positionierte den Becher daneben. Dann entfernte sie sich mit vielen Verbeugungen im Rückwärtsgang in Richtung Küche.

Den Inhalt des Bechers konnte ich unschwer als grünen Tee identifizieren. Auch die Papiertüte kannte ich bereits aus dem Flugzeug, enthielt sie doch ein Einweg-Holzstäbchen. "Klasse", dachte ich noch, die haben es kapiert und das Frühstück wird nun bald anrollen. Ich empfand es zwar als ausgesprochen unkomfortabel, etwas essbares auf einem gut 10 cm hohen Holzblock serviert zu bekommen. Aber "andere Länder, andere Sitten" sagte ich mir, "nimm es halt, wie es kommt". Dummerweise konnte ich bei meinen Nachbarn nicht kiebitzen, wie ein japanisches Frühstück eingenommen wird. Alles um mich herum war ja mit dem Spiegelei auf Toast beschäftigt – und ich war wohl der Einzige mit "japanese style breakfast". "Also gut, harren wir einfach der Dinge, die da kommen mögen. Kommt Zeit kommt Rat", dachte ich so bei mir. Ich würde das Ding schon zu schaukeln wissen.

Ich saß wartend vor dem Holzblock am Tisch, hoffte auf ein leckeres Frühstück und schaute deshalb breit lächelnd in die Runde. Immer wieder bemerkend, dass die an ihren Tischen frühstückenden Japaner verstohlen einen Blick aus den Augenwinkeln auf mich warfen. Aus der Küchentür lugten abwechseln die Köpfe der jungen Angestellten und des Kochs um die Ecke, deren Mienen von Mal zu Mal besorgter schienen.

Hätte jemand eine Kamera im Frühstücksraum aufgestellt, wäre ein herrlicher Slapstick herausgekommen. Der Fremde, am Tisch sitzend und abwartend, von der Runde beobachtet. Jetzt weiß ich, wie sich die Affen im Zoo fühlen müssen.

Nachdem sich auch nach mehreren Minuten nichts mehr tat, dämmerte mir, dass da etwas gewaltig schief lief. Also begann ich den "Holzblock" genauer in Augenschein zu nehmen und bemerkte plötzlich einen feinen Spalt. Es musste also eher ein Kästchen, denn ein Holzblock sein. Ich nahm die Tüte mit dem Essstäbchen weg und befingerte den Block. In der Tat, es handelte sich um ein Kästchen, welche zwar wie ein Stück Holz aussah, dessen Deckel sich aber nach hinten aufklappen ließ. Im Inneren befanden sich mit schwarzem Lack gestaltete Fächer, die diverse japanische Speisen wie einige Stücke Sushi, Reis, das obligatorische Stück rohen Fisch und die gesalzene Pflaume enthielten. Auf dem schwarz lackierten Innenteil des Deckels war ein japanisches Stilleben aufgemalt.

Aha, mein japanisches Frühstück! Und dann noch serviert als "Edelvariante" eines japanischen Bento. Jetzt hatte ich es geschnackelt, und ich gewann wieder Oberhand. "Euch werde ich es zeigen!" Mit professionellem Griff entnahm ich das Holzstäbchen aus der Tüte, riss es auseinander und rieb die Bruchflächen gegeneinander, um eventuelle Holzsplitter an den Bruchstellen zu entfernen. Dann nahm ich die zwei Stäbchen in die rechte Hand. Das untere Stäbchen zwischen Ring- und Mittelfinger eingeklemmt und mit einem Ende in der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger ruhend. Das zweite Stäbchen konnte dann zwischen Daumen und Zeigefinder eingeklemmt und damit bewegt werden. Mit den Spitzen ließ sich dann (wie mit einer Pinzette) etwas einklemmen und zum Mund führen. Nach dem Vortraining im Flugzeug, wo mein Sitznachbar mir die Benutzung der Essstäbchen kurz gezeigt hatte, war das also keine Problem mehr für mich.

Ich widmete mich also dem Frühstück und bemerkte schon nach kurzer Zeit, dass das Interesse an den umliegenden Tischen rapide abnahm. Der Gaijn konnte offenbar mit Stäbchen umgehen, und was ist schon besonderes an einem Menschen, der frühstückt? Auch die Mienen der Köpfe, die abwechselnd aus der Küche lugten, sahen plötzlich wesentlich entspannter aus, und die junge Angestellte konnte sich sogar zu einem anerkennenden Lächeln durchringen.

Durch mein langes Warten hatten die japanischen Gäste das Frühstück weitgehend beendet, während ich noch mit den Essstäbchen und meinem Frühstück beschäftigt war. Rund um mich herum wurde von den Tischnachbarn der grüne Tee mit lautem Schlürfen getrunken. Völlig konsterniert musste ich feststellen, dass so mancher der Gäste das Frühstück mit einem lauten Rülpser beendete. So langsam leerte sich der Frühstücksraum und ich war auch endlich fertig.

Geschafft! Gar nicht mal so übel gelaufen, wenn nicht das Personal so blöde reagiert und mir das Kästle mit dem Frühstück geöffnet hätte. Na, das konnte ja noch heiter werden. Ich verließ mit einem gemurmelten "Sayonara" den Raum, um mein Zimmer zum Zähneputzen aufzusuchen und mich danach mit meinem Aktenkoffer an der Rezeption einzufinden.

Und schon tauchte mein japanischer Kollege auf, erkundigte sich, ob alles in Ordnung sei und wir aufbrechen könnten. Die in einem Nebensatz geäußerte Frage, ob ich japanisch gefrühstückt hätte, beantwortete ich mit Ja, ohne mir weitere Gedanken zu machen. Das gemurmelte Yoku dekimashita (gut gemacht) verstand ich nicht. Später lernte ich, dass ich offenbar gerade eine  "Test" bestanden hatte …

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Die Stadt Kawagoe pflegt eine Städtepartnerschaft mit Offenbach am Main. Sinnigerweise war dem Hotel ein Restaurant mit dem Namen “Offenbach-Stuben” angeschlossen. Und in dieses Restaurant wurde ich von Herrn Mamamoto zum Abendessen eingeladen.

Er glaubte wohl, mir damit einen Gefallen zu tun, gab es dort doch herzhafte deutsche Kost: Bratkartoffel, Sauerkraut, Schweinshaxe, Schnitzel und Bier im Maßkrug. Und als Highlight wurde dort mit Messer und Gabel zu bajuwarischer Blasmusik gegessen. Also typisch deutsche Kost und deutsches Ambiente, oder was immer sich der Durchschnittsjapaner darunter vorstellt.

Das Restaurant war daher auch bei jungen Japanern angesagt, die an Holztischen saßen, einen Maßkrug mit Bier stemmten und sich mit Messer und Gabel an Schnitzel beziehungsweise Schweinshaxe versuchten. Und der Gaijin, der Fremde, war natürlich die Attraktion des Abends. Ständig wurde ich verschämt aus den Augenwinkeln gemustert. Es interessiert wohl brennend, wie so ein Viech wohl eine Haxe isst (obwohl ich ein Schinkensteak mit Bratkartoffel gewählt hatte).

Als das Restaurantpersonal noch erfuhr, dass ich aus Frankfurt, also quasi der Nachbarschaft Offenbachs kam, brachen alle Dämme. Freude strahlend wechselten sich die Kellnerinnen ab, um an den Tisch zu kommen,  einen Blick auf den  Doitsu San aus “Offenbach” zu werfen und mit vielen Verbeugungen möglichst einen vollen Bierkrug am Tisch abzuladen, weil Leute aus Deutschland doch so viel Bier trinken.

Zum Abschluss des Essens meinte Herr Mamamote, dass dies wohl das letzte Mal gewesen sei, dass ich Messer und Gabel würde benutzen können. Demnächst ginge es wohl mit Esstäbchen zur Sache. Dann fragte er noch, wie ich am nächsten Morgen den Frühstücken wolle. Zur Auswahl standen ein “western style Breakfast” und ein “japanese style Breakfast” also ein westliches und ein japanisches Frühstück. Er riet mir zum westlichen Frühstück, da es da ja nochmal Messer und Gabel gäbe und ich das bestimmt bevorzuge. Nachdem ich nun bereits zum zweiten Mal die “Drohung” mit den Essstäbchen vernommen hatte, bat ich meinen japanischen Kollegen doch bitte ein japanisches Frühstück zu bestellen. Die Kellnerin kam mit einer grünen Essensmarke, die mir ausgehändigt wurde. Diese möge ich doch am nächsten Morgen im “Frühstücksraum” dem Personal präsentieren. Beim “Frühstücksraum” handelt es sich um die Lokalität der Offenbach-Stuben, die mir ja nun bekannt war.

Herr Mamamote verabschiedete sich und wollte mich am kommenden Morgen nach dem Frühstück abholen. Beschwert von einem deftigen Essen und einigen Maß Bier beschloss ich, mich in die Falle zu hauen. Nicht ahnend, was mich schon am nächsten Morgen erwarten würde. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag.

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Da ich nach der Ankunft noch einige Stunden bis zum Abendessen zur Verfügung hatte und das kleine Hotelzimmer auch nicht besonders einladend erschien, beschloss ich einen kleinen Spaziergang in der Stadt zu unternehmen. Aber dies war gar nicht so einfach!

Wie bewegt man sich in einer Stadt, in der keine Straßennamen existieren und alle Beschriftungen in einer unbekannten Sprache mit japanischen Schriftzeichen vorliegen? Der mir von Herrn Mamamote übergebene Stadtplan war auch nicht allzu hilfreich.

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Der Plan war eher eine grobe Skizze und alle Beschriftungen waren in japanischen Kanji-Schriftzeichen ausgeführt. Ich hatte keinen Schimmer, wie mir dieses Teil die Orientierung in der Umgebung des Hotels erlauben würde. Aber immerhin sollte ja die Hoteladresse auf dem Plan stehen …

… als ich aus dem Hotel trat, wurde ich dann von den auf mich hereinbrechenden Eindrücken regelrecht erschlagen. Es dunkelte leicht und von überall flimmerte mit Leuchtreklame mit japanischen Schriftzeichen entgegen. Dichter Feierabendverkehr (in Japan herrschte Linksverkehr), war auf den Straßen.

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Also prägte ich mir markante Punkte, z. B. eine Tankstelle in der Nachbarschaft eines Gasspeichers, dessen Kugeltanks weit sichtbar waren, ein Restaurant mit besonderer Leuchtreklame und so weiter ein. Auf diese Weise konnte ich einen ausgiebigen Spaziergang machen, erste “Stadtluft schnuppern” und trotzdem zum Hotel zurückfinden.

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Sie werden abgeholt ….

Vor dem Abflug war die Abholung im Ankunftsbereich des Flughafens Narita durch Angestellte der Firma vereinbart worden. Als ich aus der Zollkontrolle den Ankunftsbereich betrat, standen dort viele uniformierte Chauffeure (so muss man die Fahrer wohl bezeichnen), mit Dienstmütze und Anzug, die in weißen Handschuhen Schilder mit den Namen der Abzuholenden in die Höhe hielten. Manche riefen auch “mistel Jonnnssooon”, “miste brooowwwwn” oder so ähnlich. Es wurden Mister Johnson aus Arkansas, Mr. Brown aus Florida und viele weitere Personen erwartet und abgeholt. So langsam lichtete sich der Pulk der Abholer und auch die Reihe der abzuholenden.

Aber ich konnte kein Schild “Mr. Born” entdecken. Auch wurde kein „Miste Boon“ ausgerufen. Nachdem nach ca. 15 Minuten des Wartens klar war, dass ich nicht abgeholt würde, begann den Ankunftsbereich zu überprüfen. Es hätte ja die Möglichkeit bestanden, dass ich einfach den Treffpunkt verpasst hätte (die heute allgegenwärtigen Handys waren damals noch unbekannt). Als auch da kein Ergebnis ersichtlich wurde, prüfte ich die Shuttle-Möglichkeiten nach Tokio (ein Kollege hatte erwähnt, dass man leicht von Narita zum Tokyo City Air Terminal kommen könne). Dort bestand die Möglichkeit, sowohl für Abflüge einzuchecken als auch U-Bahnen in Tokio zu benutzen, um zu einem Hotel oder zum Zielort zu gelangen. Ich hatte vor, mich auf eigene Faust bis zum Zielort Kawagoe durchzuschlagen.

Ich war gerade dabei, den Transfer klar zu machen, als ich meinen Namen in der Durchsage vernahm. An einem Meeting-Point wartete ein junger Japaner, der als Abholer auserkoren war. In perfektem Englisch entschuldigte er sich und teilte mit, dass er im obligatorischen Stau hängen geblieben sei. Über einen Shuttle-Bus ging es dann ins Zentrum von Tokio und dann per U-Bahn und Bahnverbindungen in die Stadt Omiya. Von dort hieß es dann, ca. eine Stunde per Taxi nach Kawagoe zu fahren.

Während dieses Transfers konnte ich nicht nur dass allgegenwärtige Verkehrschaos in Tokio und Umgebung kennen lernen, sondern auch die stoische Ruhe, mit der Japaner, dicht gedrängt wie in einer Sardinenbüchse, öffentliche Verkehrsmittel benutzten. Es war zwar nicht mehr Rush-Hour, also Hauptverkehrszeit. Aber an einigen Knotenpunkten stiegen viele Fahrgäste in die wartenden U-Bahn-Wagen. Um die “Packungsdichte” zu erhöhen, standen auf den Bahnsteigen junge Kerle, ich möchte sie mal als “Personenpacker” bezeichnen. Vorschriftsmäßig in blaue Uniformen und Mütze gekleidet, hatten Sie die Aufgabe, bei vollen Waggons die noch im Einstieg befindlichen Passagiere in den Innenraum des Wagens zu drücken – und zwar so lange, bis sich die Türen schlossen. Um den “Abstand zu wahren”, hatten alle dieser “Personenpacker” blütenweiße Handschuhe übergestreift. Ich empfand es schon als reichlich skurril, den schwitzenden Burschen dabei zuzusehen, wie sie, Contenance bewahrend, versuchten, die Passagiere in die Wagen zu verfrachten.

Auf der Fahrt lernte ich dann meinen “Abholer” etwas näher kennen. Es stellte sich heraus, dass er als 15jähriger Schüler in die USA gegangen war und sich dort als Cowboy verdingte, um College und Studium zu finanzieren. Nach Abschluss eines Studiums in Biotechnologie war er nun mit seiner japanischen Frau nach Japan zurück gekommen und hatte bei der japanischen Dependance der deutschen Pharmafirma als Forscher angeheuert. Ich lernte damals auch schnell, dass ein Japaner nach dem Studium möglichst bei der Regierung oder Behörden unterkommen sollte. Japanische Firmen waren schon zweite Wahl – lediglich die Hondas, Toyotas usw. waren noch denkbar. Wer nichts geworden war, heuerte bei kleinen japanischen Firmen an – oder biss in den sauren Apfel und bewarb sich bei ausländischen Firmen (Gaijin-Companies). Da Herr Mamamote (nennen wir ihn mal so) praktisch den größten Teil seines Lebens in den USA verbracht hatte, sah er dies nicht mehr so eng, sondern freute sich auf eine spannende Aufgabe im Biotechnikbereich der Firma.

Später wurde mir klar, dass er eigentlich mehr Amerikaner als Japaner und ein sehr angenehmer Kollege war, mit dem ich gerne zusammen arbeitete. Interessant war vor allem, dass er beim Anfertigen von Notizen während Besprechungen zwar brav mit japanischen Schriftzeichen begann, dann aber immer wieder unbewusst in die lateinische Schrift verfiel und das Ganze einfach schnell in Englisch aufzeichnete.

Herr Mamamote brachte mich in eines der vielen Business-Hotels in Kawagoe und half mir beim Einchecken. Dabei drückte er mir noch einen DIN A4-Blatt mit einem Stadtplan in die Hand und meinte, er würde mich um 20.00 Uhr zum Abendessen abholen. Ich könne mich etwas ausruhen und frisch machen – und auf dem Blatt mit dem Stadtplan hätte er die Adresse des Hotels vermerkt.

Da saß ich nun, in einem anonymen Business-Hotel in einem kleinen Zimmer und hatte keine Ahnung, welche Abenteuer mich schon bald erwarten würden. Aber dazu mehr in den nächsten Beiträgen.

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Am Abend, während des Fluges führte ich einige Gespräche mit meinem Sitznachbarn, einem “älteren Herrn”. Wenn ich jetzt die Charakterisierung “älterer Herr” lese, muss ich schmunzeln, denn dieser war geschätzt zwischen 45 bis 55 – während ich deutlich in den 30er war. Heute stecke ich selbst in der Mitte zwischen 50 und 60, bin also auch zum “älteren Herrn” mutiert. Jedenfalls stellt sich heraus, dass der nette Herr, nennen wir ihn Herr Watanabe, Verwaltungsdirektor einer größeren Klinik in Osaka war. Er hatte einen medizinischen Kongress in Deutschland besucht und war nun auf der Rückreise. Er erkundigte sich nach meinen Plänen. Nachdem er sich das alles angehört hatte, wog er bedächtig den Kopf und meinte “in der japanischen Provinz werden Sie wohl auch japanisch essen und leben müssen”, denn dort sei es nicht ‘so westlich’ wie in Tokyo. Viele Ausländer hätten damit wohl ein Problem.

Nachdem der größte Teil des Fluges absolviert war und der Flieger in 11 km Höhe bereits über das japanische Meer in Richtung des Flughafens Narita unterwegs war, begann die Crew mit der Austeilung des Frühstücks. Mein Sitznachbar meinte, ich könne mich nun ‘entscheiden’, ob ich ein letztes Mal “westlich” frühstücken oder bereits jetzt mit japanischem Essen anfangen wolle. “Wenn schon, denn schon” war meine Entgegnung, und so bestellte ich ein japanisches Frühstück. Wer die in Flugzeugen servierten Mahlzeiten kennt, weiß zwar, dass diese nicht im entferntesten den Menüs gleichen, die man in den jeweiligen Ländern in Gaststätten oder Restaurants serviert bekommt. Aber das wusste ich ja nicht. Im Rückblick erinnerte mich das Frühstückspack daher auch eher an ein schlecht zusammengestelltes Obento als an ein japanisches Frühstück. Bento (弁当) ist eine spezielle Darreichungsform für Speisen, die in kleinen Kästchen mit abgeteilten Fächern untergebracht sind. Obento ist ein aus einer Box bestehendes Esspaket, welches in Japan gerne auf Reisen gekauft wird – Fotos gibt es hier).

Aber zum Zeitpunkt als das Frühstück serviert wurde, war alles neu – auch der Becher grüner Tee, den es dazu gab. Hach, war das aufregend, keine Löffel, Messer oder Gabeln, sondern nur eine Papiertüte mit einem Holzstöckchen drin. Ich beobachtete, wie mein Nachbar dieses “Holzstöckchen aus der Papiertüte nahm und es auseinander riss. Dadurch hatte er plötzlich zwei japanische Essstäbchen aus Holz. Er zeigte mir, wie man diese Essstäbchen in die Hand nahm und damit die Speisen zum Mund bekäme.

War im nachhinein gar nicht so schwierig, denn das Obento bestand aus einigen Shushi (in Noriblätter, d.h. Seetang, eingewickelte Reisbällchen mit Fisch), einem Stückchen geräucherten Fisch (erinnerte mich an geräuchertes Makrelenfilet) und einer in Salzlake eingelegten grünen Pflaume (Ume). Und dann wurde noch so etwas in einem Becher gereicht, was für mich wie klare Brühe mit Eierstich und irgend etwas „wolkigem“ drin aussah, aber ganz lecker schmeckte – nur die grünen Fäden in der Brühe waren etwas ungewohnt. Später lernte ich, dass ich gerade das japanische Nationalgericht, Miso Suppe (味噌汁), gekostet hatte. Der “Eierstich” war Tofu, die grünen Fäden waren Algen (Wakame). Und das „wolkige“ war Tofu-Paste.

Ich scheine mich jedenfalls nicht ganz blöd angestellt zu haben, denn das Frühstück landete im Mund und mein Nachbar nickte anerkennend. Dann fragte er, wie es mir geschmeckt habe. Als ich ihm entgegnete, dass ich mich an die Suppe gerne gewöhnen könne, der grüne Tee ganz gut schmecke und auch das Reis-Fisch-Zeug gar nicht so schlecht zum Frühstück sei, grinste er nur. Dann meinte er, dass ich wohl keine wirklichen Schwierigkeiten in Japan haben würde, den die meisten Westler scheiterten schon am Essen.

Nach dem Essen bereitete ich mich auf die Landung vor und schaute mir die Landschaft an. Obwohl ich krampfhaft nach Ginko-Bäumen Ausschau hielt (komischerweise hatte ich dieses Bild vor Augen, dass Japan nur so von Ginkos bewachsen sei), unterschied sich die aus dem Flugzeugfenster sichtbare Landschaft nicht so sehr von den Landschaften anderer Länder. Erst beim Endanflug erkannte ich einzelne Reisfelder und sah, dass die Häuser etwas anders als in Deutschland aussahen.

Angekommen! Narita International Airport. Aussteigen, Gepäck abgreifen und durch die Zoll- und Passkontrolle.

Wie es dann mit dem Abenteuer weiter ging, lesen Sie in den nächsten Beiträgen.

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Die erste Reise nach Japan führte mich über Paris nach Tokyo und dann nach Kawagoe. Im Duty Free-Shop in Paris fiel mir auf, dass vor allem junge Japaner und Japanerinnen in Scharen aufliefen und sich speziell an den Parfüm- und Spirituosen-Regalen mit extrem teuren Produkten eindeckten. Oft wurden zwei oder drei Parfümpackungen im heutigen Gegenwert von je über hundert Euro und auch noch Cognac-Flaschen (die damals so 200 bis 300 DM kosteten) gekauft. Später lernte ich, dass dies Geschenke für die Daheim-Gebliebenen waren. Es wurde von den Reisenden erwartet, dass dieser Geschenke, entsprechend der Wertschätzung, mitbrachte. Was letztendlich dazu führte, dass die jungen Leute oft extrem viel Geld für Nippes im Duty Free-Shop ließen.

Der Flug dauerte über 12 Stunden und führte über die Weiten Sibieriens. Da es früher Abend war, fielen mir beim Blick aus dem Flugzeug eine kilometerlange Straße auf, die schnurgerade in Richtung Osten ins Nirgendwo führte. Irgendwann kam dann ein Punkt, wo eine zweite Straße aus dem Nirgendwo in Richtung Westen verlief und plötzlich endete. Die Straßenbauer hatten offenbar von zwei Punkten aus damit begonnen, die Straßen stücke aufeinander zu zu bauen, den Treffpunkt aber um mehrere hundert Meter verfehlt. Statt die Straßensegmente an den Anschlussstellen durch leichte Kurven anzunähern, kam eine russische Lösung zum Einsatz. Beide Straßen endeten in der Taiga, waren aber durch eine Quertrasse verbunden. Holzlaster, die man aus der Höhe gerade noch erkennen konnten, bogen in die Quertrasse ein, fuhren mehrere hundert Meter nach Norden bzw. Süden, um dann in das zweite Segement abzubiegen.

Nach einer längeren Schlafpause, die ich mehr oder weniger verdöst habe, ging dann die Sonne über dem östlichen Teil Sibiriens auf. Ich erinnere mich noch an endlose Schneelandschaften, über die die Boing 747 in 11 km Höhe hinweg flog. Tief unter uns waren karge Wälder mit kleinen Bäumen und mäandernden Flussläufen zu sehen. Mein erste Gedanke war "müsste es nicht herrlich sein, dort zu wandern". Dann fiel mir aber ein, dass es dort unten momentan arg kalt war und im Sommer Millionen von Stechmücken die Taiga bevölkern würden. Zudem gab es auf hunderte Kilometer keine Siedlung, geschweige denn eine Stadt.

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Reiseerinnerungen an Japan

Anfang der 90er Jahre des vorherigen Jahrtausends hatte ich bei mehreren Arbeitsaufenthalten in Japan, genauer in der Stadt Kawagoe, die Gelegenheit, Einblicke in die japanische Lebenswelt zu erhalten.

Kawagoe (川越市), auch als Klein-Edo bezeichnet, ist eine Stadt mit ca. 335 000 Einwohnern in der Provinz Saitama, die ca. 50 km nördlich von Tokyo liegt und viele Pendler beherbergt. In der Stadt haben sich einige Firmen angesiedelt, u. a. eine Pharma-Dependance eines großen (damals noch) deutschen Chemieunternehmens.

Während in Tokyo Straßen oder Zuglinien mit lateinischen Beschriftungen (als romanji bezeichnet) ausgestattet sind, ändert sich dies in der Provinz. Plötzlich fand ich mich mit der Situation konfrontiert, die einfachsten Sachen nicht lesen und mit den Menschen nicht sprechen zu können. Sprechen scheiterte dran, dass ich zwar englische, aber keine japanischen Sprachkenntnisse besaß, viele Japaner in der Provinz aber kein Englisch konnten. Daher war die Verständigung auf Reisen mitunter etwas problematisch. Lesen war auf Grund der allgegenwärtigen japanischen Schriftzeichen am Anfang für mich ebenfalls unmöglich. Zumal die allgegenwärtigen japanischen Schriftzeichen sich in drei Alphabete (Hiragana, Katagana und Kanji) unterteilten. Da geriet es schon mal zum Abenteuer, den richtigen Weg zum Klo, den richtigen Zug, die richtige Straßenabzweigung etc. zu finden oder am Bahnhof den richtigen Ein- (Iriguchi) oder Ausgang (Deguchi) zu wählen.

Da ich an Wochenenden Reisen in Japan unternahm, war die größte Angst der japanischen Kollegen, dass ich dabei verloren ginge. Also gab es das obligatorische Kärtchen mit Anweisungen in japanischer Sprache mit, das ich in der "Fremde" dem nächst besten Japaner zu zeigen hätte – auf dass dieser meine Arbeitskollegen anrufen möge und sich Instruktionen holen solle, was er mit dem "verloren gegangen Ausländer" bitte schön zu tun habe. Zur Überraschung der japanischen Arbeitskollegen habe ich das Kärtchen nie gebraucht (was Gegenstand einer eigenen Story ist).

Für mich ergab sich damals die Erkenntnis "Irgendwie ist jeder irgendwo Ausländer und manchmal ganz schön blöd aufgestellt". Bei meinen Reisen, bei der Arbeit, beim Aufenthalt im traditionellen japanischen Hotel (Ryokan) gab es immer wieder komische bis skurrile Situationen, die ich für die Nachwelt festhalten will. Zudem erhielt ich auch Einblicke in die gesellschaftlichen Verhältnisse und Verwerfungen der japanischen Gesellschaft, am Beginn der 90er Jahre des vorherigen Jahrtausends. So werde ich in diesem Blog daher schrittweise die diversen Episoden, vom Flug nach Japan, das Abenteuer "japanisches Frühstück" bis zum Wohnen im traditionellen japanischen Hotel, die ich erlebt habe, veröffentlichen. Dabei wird auch aufgelöst, wie der Name dieses Blogs "Gaijin-san" entstand.

In diesem Sinne …

… lasst uns anfangen.

私達を始まることを許可しなさい

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